radiohörer - der blog für radiofans
Dienstag, 8. November 2011
"Künstliche Paradiese" Altersglühen gegen Verstummen
Heute beginnen in Karlsruhe die Hörspieltage der ARD
Von Rafik Will
Nach der Einführung des dualen Systems wurde in der deutschen Sendelandschaft schon mehrfach der Tod des Hörspiels bekanntgegeben. Tatsächlich sind die Hochzeiten der Radiokunst schon seit längerem vorbei. Doch ist diese Leidenschaft nicht erloschen, sie brennt konstant auf kleiner Flamme weiter. ARD und Deutschlandradio versuchen seit gut einem halben Jahrzehnt, das Hörspiel durch einen Anschluß an die Eventkultur zu pushen. Auf den »Hörspieltagen«, die heute in Karlsruhe im ZKM (Zentrum für Kunst und Medientechnologie) beginnen, werden gleich fünf Preise vergeben, darunter zwei Publikums- und zwei Kinderpreise. Einer steht schon fest: Der »Deutsche Kinderhörspielpreis« wird am Samstag an Thilo Reffert für »Nina und Paul«, in dem eine Liebe unter Grundschülern erzählt wird, verliehen. Dann wird auch der mit 5000 Euro dotierte »Hörspielpreis der ARD«, der übrigens aussieht wie drei zusammengeleimte Bauklötze, verliehen.

Fragt sich nur, an wen: Zehn Stücke laufen im Wettbewerb. Darunter das aus improvisierten Dialogen bestehende »Altersglühen oder Speeddating für Senioren« von Jan Georg Schütte, Stücke über Jugendliche zwischen alltäglicher Gewalt und Amoklauf, und Katja Hensel schickt in »Grüne Lunge. Breites Pflaster« die von Privatinvestoren ausgeschlachteten Städte in die »Deutschlandklinik«. Etwas klischeegesättigt geht es im dokumentarischen, featureähnlichen Stil durch Berlin-Neukölln: Für »Liebesrap« begleitete Gesine Schmidt die wechselvolle Liebesgeschichte zweier Jugendlicher samt Armut, Alkoholismus und Abtreibung, natürlich von HipHop untermalt. O-Töne wären besser gewesen, der Slang kommt den Sprechern nicht sonderlich flüssig über die Lippen. Dann schon lieber gleich in die drogeninduzierten »Künstlichen Paradiese«. Kai Grehn hat Charles Baudelaire mit diversen Musikern und der großen Jeanne Moreau zu einer seltenen Zwischenform aus Klangkunst und Hörspiel umarrangiert.

Festivalleiter nennt die Karlsruher Veranstaltung die »Südkurve des Hörspiels«. Neben den Wettbewerbsstücken gibt es als Livehörspiel »Winnetou« und »Alice im Wunderland« als Konzerthörspiel für Kinder, zwei fiktive Reisen Jules Vernes werden in 5.1 Surround zu hören sein. Dazu kommen ein »Science-Slam« sowie Film- und CD-Vorführungen. Stargast ist der Comedian Bastian Pastewka. Am Donnerstag lädt der MDR zur Diskussion »Hörspiel-Hören für 50 Cent?«, um den »Medienvertrieb morgen« zu besprechen. Auf der Online-Plattform versuchen Autoren um Paul Plamper, der mit »Tacet« auch im Wettbewerb vertreten ist, ihre Hörspiele im Direktvertrieb für sieben Euro an den Mann zu bringen. In seinem Stück geht es übrigens um eine Frau, die plötzlich aufhört zu sprechen.