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Freitag, 13. März 2015
"Love Sick" Das Lied von Liebesverrat und Rache
Von Harry Lachner
Die kleinen Erzählungen der Popmusik sprechen so oft von diesem Projekt "Liebe", dass man bei der bloßen Erwähnung des Begriffs reflexartig Fluchtgedanken entwickelt. Liebe also. In allen möglichen Schattierungen, gewiss; aber tröstlicherweise reflektieren zahlreiche dieser Songs eine Konfliktsituation des Erzählers: Verlust, Verrat, unerfüllte Sehnsucht, immer auf der Suche nach dem Glücksmoment - und sei es, dass dieser gerade darin liegt, die beziehungsdesaströse Depression und Traurigkeit zu formulieren. Auffallend oft sind es Situationen, in denen sich ein Riss auftut: der Verrat. Unerwartet, plötzlich, existenzbedrohend. Die alte Ordnung des Gefühls und des Denkens findet sich schlagartig in Frage gestellt, umgestürzt, über den Haufen gerannt. Das Bild von der Welt? Jetzt ein Trümmergrundstück ausgebrannter Illusionen und Selbstbetrügereien. "Love Sick - Das Lied von Liebesverrat und Rache" bietet einen kleinen Einblick in eines der zentralen Themen des Pop: den Betrug und was aus ihm entsteht: Trotz, Wut, Melancholie oder Resignation. Tönende Beispiele also für diverse Auf- und Abrechnungen. Love Sick Die Guten ans Knöpfchen
Mit Karl Bruckmaier
Nachdem die letzten NMX-Sendungen am Samstag von sechs Saiten betrachtet werden konnten, ist diesmal Schaltkreis Trumpf - oder doch nicht? An der Schnittstelle von analogem Instrument und Computer begeistern gerade die aus Russland kommenden Fogh Depot und die Belgier namens Prairie. Dazu gibt es etwas Elektronik-Archäologie vom No Wave-Duo Suicide bis zum Elektronik-Komponisten Conrad "Conny" Schnitzler. Playlist Die Guten ans Knöpfchen "Rhythm 'n' Jazz" Erinnerungen an den Geiger Don "Sugarcane" Harris
Von Harry Lachner
Bereits auf der frühen Single "Soul Motion", die Don Sugarcane Harris mit dem Gitarristen Dewey Terry veröffentlichte, ist sein Spiel auf der Violine eindeutig identifizierbar. In diesem Duo, das sich 1957 aus der aufgelösten Ryhthm 'n' Blues Band The Squires herausgelöst hatte, spielte Harris zunächst Gitarre, übernahm gelegentlich den Bass- und Keyboard-Part, bevor er seine Geige als elektrisch verstärktes Lead-Instrument einsetzte. Parallel zu seiner Zeit in den Bands von Frank Zappa veröffentlichte er eine Reihe hochinteressanter Alben auf dem MPS-Label, wie etwa "Keep On Driving" mit Volker Kriegel, John Taylor und Tony Oxley aus dem Jahr 1971. Ohne seine Verwurzelung im Rhythm'n'Blues zu vernachlässigen, findet Harris zu einer ganz eigenen musikalischen Form, die dieses populäre Genre mit den besten Elementen aus dem Jazz und der damals aktuellen Rockmusik verbindet. Playlist Don "Sugarcane" Harris "Radiokunst aus Prag" Von James Wyness und Jakub Rataj
Zwei Produktionen des tschechischen Rundfunks geben Einblicke in die aktuelle Arbeit des intermedialen "rAdioCUSTICA"-Projekts, das in Prag an den Sendeplatz "Radioatelier" bei Radio Vltava angegliedert ist.
Ice Factory von James Wyness Realisation: der Autor Produktion: CZCR 2014/19’48 James Wyness verarbeitet in seinem Stück "Ice Factory" Klänge der Fischereiwirtschaft aus der südschottischen Küstenstadt Eyemouth: Aufnahmen vom Fischkutter White Heather VI und aus der örtlichen Eisfabrik, in deren Lagerhalle bis zu 60 Tonnen Eis gekühlt werden. James Wyness , 1956 geboren, lebt als Komponist und Klangkünstler in Schottland. Studium der Romanistik (Französisch) und Promotion im Bereich Elektroakustische Komposition an der University of Aberdeen. Performances, Installationen, Instrumentenbau, Radioproduktionen. Von 2003-2012 stellte er "The Borders Archive" zusammen, ein persönliches Soundarchiv der Gebiete Scottish Borders und Northumberland. Betreibt das Label reekin lum records. Between the Words von Jakub Rataj Realisation: der Autor Produktion: CZCR 2014/17’29 Die Komposition "Between the Words" entstand in den zehn Monaten, die der tschechische Komponist Jakub Rataj 2013/2014 in Paris verbrachte. Zurück nach Prag kam Rataj mit einem dreiteiligen Stück, in dem Petanque-Kugeln Kirchenglocken klingen lassen, über den Informationsgehalt von Sprechpausen und den Sound von Fischmärkten meditiert wird. Jakub Rataj, 1984 geboren, tschechischer Komponist, Performancekünstler und Musiker. Orchester- und kammermusikalische sowie elektroakustische Kompositionen, Soundinstallationen, Film- und Theatermusik. Zahlreiche Konzerte und Festivalauftritte. Mitglied der OEM ARTS Künstlergruppe. 2013/14 Stipendiat am Conservatoire Supérieur de Musique et de Danse de Paris, studiert Komposition bei Hanuš Bartoň an der Akademie der darstellenden Kunst in Prag. Radiokunst aus Prag In Flac Francesco Tristano
von Jan Tengeler
Der Pianist Francesco Tristano ist einer der neuen jungen Stars am Klassik-Himmel. Aber Vorsicht: Der geneigte Hörer bekommt hier nicht die xte Interpretation einer Fuge von Bach oder eines Mozartmenuetts vorgesetzt. Stattdessen wirft Tristano einen völlig neuen Blick auf die alten Werke mithilfe moderner Elektronik und Anleihen aus der Clubkultur. Deren Tracks wiederum greift er auf und spielt sie rein akustisch auf dem Klavier. Mit seinem alten Trio "Aufgang" hat er noch einen drauf gesetzt: Zwei Pianisten und ein Schlagzeuger bewegen sich virtuos zwischen Free Jazz, Techno, Pop und Klassik, um irgendwann jede Klassifizierung hinter sich zu lassen. Mit seinem neuen Trio mit dem Perkussionisten Bachar Khalife und dem Vibrafonisten Pascal Schumacher wendet er sich seit jüngstem einer Musiksprache zu, die deutlicher als zuvor im Jazz verwurzelt ist. Francesco Tristano "Schall und Rausch" Neues aus dem Grenzgebiet zwischen Rock, Jazz und Elektronik
Mit Harry Lachner
In der Verfilmung von Thomas Pynchons schlechtestem Roman, "Inherent Vice", stolpert im Jahr 1970 der komplett verkrautete, ständig süßlich umnebelte Privatdetektiv Doc Sportello durch das hippieselige Los Angeles. Die Musik dazu schrieb der Radiohead-Gitarrist Johnny Greenwood. Zwar folgt sie meist den streichersatten Klischees alter Noir-Filme, doch begegnen wir auf dem Soundtrack-Album auch alten Bekannten wie Can - und einer verpeilt rhapsodisch monologisierenden Joanna Newsom. Man muss aber nicht gleich zur Rauchware greifen, um sich aus dem Alltag zu entheben: Denn dass Klang allein schon Rausch genug sein kann, zeigen etliche Neuerscheinungen. Etwa die Zusammenarbeit des japanischen Gitarristen und Sängers Keiji Haino mit Jim O'Rourke und Oren Ambarchi, oder die Doom- und Metal-Phantasmen von The Body and Thou. Wo "Inherent Vice" sich im Grunde als ironische Hommage (wenn nicht sogar als Parodie) auf das Film Noir-Genre geriert, sorgt für das wahre, akustische Noir-Gefühl in dieser Nachtsession die Sängerin Lydia Lunch, deren Album "Twin Horses" den gelungeneren Abgesang auf vergangene Hippie-Illusionen bietet - und (wie gewohnt und ersehnt) die Hoffnungslosigkeit als erfrischende Lebensendperspektive feiert. Des weiteren kommen unter anderen noch zu Wort und Ton: die Klangbastler von Cummi Flu, das Kammerflimmer Kollektief und der unverbiestert schalkhafte Pascal Comelade, bei dem selbst die tiefsten Abgründe voller Glücksversprechen sind. Hauptsache, man glaubt daran. Playlist Schall und Rausch Mittwoch, 11. März 2015
"Kugelgestalt der Zeit" Die Geschichte des Globe Unity Orchestra
Von Bert Noglik
Bei der Uraufführung gab es Beifall und Buh-Rufe. Alexander von Schlippenbachs Globe Unity Orchestra präsentierte mit seinem ersten Auftritt 1966 zu den Berliner Jazztagen einen handfesten Skandal und demonstrierte zugleich das Potential, das im Prozess der musikalischen Improvisation mit einer großen Besetzung freigesetzt werden kann. Im Laufe der Jahre hat die Konzeption des Orchesters eine Reihe von Metamorphosen erfahren. Die sogenannte "Wuppertaler Zeit" in den 70er-Jahren ist durch vielfältige Einflüsse, u.a. durch Einbeziehung von liedhaftem Material und Collage-Techniken, gekennzeichnet. Nach dieser Phase, in der sich Alexander von Schlippenbach die Leitung mit Peter Kowald teilte, kehrte die Band - nun den Erfahrungsschatz langjährigen Umgangs mit Improvisation nutzend - zu ihrer weitgehend auf spontaner Kommunikation beruhenden Arbeitsweise zurück. Trotz längerer Unterbrechungen gelang es, das Orchester am Leben zu halten: Mit neuem Elan wurde das Globe Unity Orchestra reaktiviert und kam zu bemerkenswerten Resultaten. Playlist Kugelgestalt der Zeit In Flac "My Goals Beyond" John McLaughlins akustische Gitarren-Aufnahmen zwischen 1969 und 1980
Von Michael Rüsenberg
Im September 1978 produziert John McLaughlin ein Album, dessen Titel wie eine Tautologie anmutet: "Electric Guitarist". Ja, war er das nicht in diesem Jahrzehnt gewesen - mit Miles Davis, mit Tony Williams, mit seinem eigenen Mahavishnu Orchestra? Ja, gewiss - auch! 1978 aber lagen drei Alben mit den indischen Musikern von Shakti (1975, 1976, 1977) hinter ihm, auf denen er ausschließlich akustische Gitarre gespielt hatte. Und früher noch, sein zweites eigenes Album in Amerika, "My Goal's Beyond", im März 1971, Vorläufer des sehr elektrischen Mahavishnu Orchestra - eingespielt auf der akustischen Gitarre. Die Sendung erinnert daran, wie John McLaughlin seine heute selbstverständliche Doppelrolle, sowohl elektrisch als nicht-verstärkt zu spielen, in den 70er-Jahren entwickelt hat. Sie beginnt mit seinem allerersten Stück auf der akustischen Gitarre, "Peace Piece", im Januar 1969, noch in London produziert und schließt mit einem seiner größten Erfolge in dieser Hinsicht, "Friday Night in San Francisco", mit Al DiMeola und Paco de Lucia, am 5. Dezember 1980. Playlist My Goals Beyond In Flac "Wintermusik"
Passend zur Jahreszeit: drei "Winterstücke" im Studio Elektronische Musik. Vom imaginären Winterschlaf bis zu frostig-klirrender Elektronik: Kompositionen von Chaya Czernowin, Tristan Murail und James Giroudon.
Einen "Winterschlaf" thematisiert Chaya Czernowin; ihre Komposition imaginiert eine Person, die, in einer Höhle eingesperrt, zu einem passiven, langen Schlaf verurteilt ist. Tristan Murail überzieht die akustischen Instrumente mit einer frostig-klirrenden Elektronik-Schicht, während James Giroudon eine Klanglandschaft entwirft, deren synthetischer Sound jede "Winterpoesie" außen vor lässt. Wintermusik In Flac Chaya Czernowin: Winter Songs III: Roots (2003) für zehn Instrumente und Live-Elektronik Ensemble Courage, Leitung: Titus Engel Tristan Murail: Winter Fragments (2000) für Ensemble und Elektronik Argento Chamber Ensemble, Leitung: Michel Galante James Giroudon: Bribes d'hiver (1984) Elektronische Komposition Moderation: Michael Rebhahn "Höre, staune - schlechte Laune" Musik von Vic Chesnutt bis Glen Hansard
Mit Karl Bruckmaier
Mal ehrlich, wer am Faschingssamstag Nachtmix hört, der will ja nicht bespaßt werden. Nein, hier ist er, Ihr Zufluchtsort in Sachen schlechter Laune: Metal dröhnt, Vic Chesnutt nimmt ein paar Pillen zuviel, Frauen in South Dakota werden verlassen und die Gitarristen Richard Dawson und Richard Thompson fegen jede Tanfzfläche leer... Dazu ein Hinweis auf die bevorstehende Tournee von Kinky Friedman. Playlist Höre, staune - schlechte Laune ... Ältere Stories
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