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Samstag, 5. Dezember 2015
"Schatten des Unbewussten" Die Saxofonistin Ingrid Laubrock und ihre vielfältigen Projekte
Seit Ingrid Laubrock 2008 nach New York übersiedelte, ist die aus dem Münsterland stammende Sopran- und Tenorsaxofonistin in einer Vielzahl neuer Downtown-Gruppierungen vertreten. Dennoch verfolgt sie weiterhin auch ihre bereits in Großbritannien zwischen 1989 und 2008 aufgebauten Gruppen wie etwa "Sleepthief".
Dieses frei improvisierende Trio mit dem britischen Pianisten Liam Noble und dem US-amerikanischen Drummer Tom Rainey nimmt insofern eine Schlüsselrolle in Laubrocks Schaffen ein, weil abgeschattete Klänge und albtraumartiges Erschrecken in fast allen ihren Kompositionen präsent sind. Und jede Menge Energie: Laubrocks zwischen lauernder Spannung und kraftvoller Entladung changierende Musik ist gewiss nichts für Träumer. Ob mit "Sleepthief", im Quintett "Anti-House", dem auch die US-Gitarristin Mary Halvorson angehört, oder in ihrem aus New Yorker und Londoner Musikerinnen und Musikern zusammengesetzten Oktett: Ingrid Laubrock schafft mit ausdrucksstarkem Saxofonklang und höchst eigenständigen Kompositionen spannungsgeladene Grenzgänge zwischen Albtraum und Wunschphantasie.
Schatten des Unbewussten

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"Die Magnetin" Musikbild einer gefährlichen Liebe
Von Dietmar Dath (Text) und Thomas Weber (Musik)

Liebe ist sowieso nichts Irdisches, man kann sich also auch gleich in eine Göttin verlieben. Die Schwierigkeiten, die man sich so einhandelt, verlangen, dass man mit dem dritten Ohr hinhört - und wenn das Ewige auf Sendung geht, wird jeder Ton zum Segen, jeder Sound zum Gebet.
Drei Personen, zwei diesseitige, eine jenseitige. Die Unterschiede sind glasklar: Das Jenseits ist eine Frau. Die beiden Männer, die man ebenfalls sofort unterscheiden kann, weil der eine jung und ungeduldig ist, der andere alt und listig, scheinen klar verteilte Positionen einzunehmen: Kunde und Dienstleister, Suchender und Priester, Kranker und Arzt. In Wirklichkeit benutzt der eine den andern, und zwar im Auftrag des Jenseits. Drei gegen einen: Die vierte Figur in diesem Hörtheater ist die Musik persönlich, und am Ende ist sie es, die zeigt, dass Lügen religiös reichhaltiger und wichtiger ist als Beichten.
Die Geschichte geht, genau wie der Weltuntergang in jedem besseren Glauben, natürlich gut aus: Gerettet sind wir, wenn es uns in der gewohnten Form endlich nicht mehr gibt.
Dietmar Dath, geboren 1970 in Rheinfelden. Lebt als Schriftsteller, Übersetzer, Musiker und Publizist in Freiburg und Frankfurt. Er war verantwortlicher Redakteur des Magazins für Popkultur »Spex« (1998-2000) und ist Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (2001-2007 und wieder seit 2011). Dietmar Dath hat zahlreiche Romane, Theaterstücke, Sachbücher, Hörstücke und Gedichte veröffentlicht. Zuletzt erschienen: das gemeinsam mit Barbara Kirchner verfasste Sachbuch »Der Implex – Sozialer Fortschritt: Geschichte und Idee« (2012) und die Romane »Feldeváye« (2014) und »Venus siegt« (2015). Seine Romane »Die Abschaffung der Arten« und »Pulsarnacht« wurden 2009 und 2013 mit dem Kurd-Laßwitz-Preis in der Sparte »Bester deutschsprachiger Roman« ausgezeichnet. Zuletzt entstand in Zusammenarbeit mit Thomas Weber und Iris Drögekamp »Larissa – Oder: Sprich diesen Tod nicht aus« (SWR 2013).
Thomas Weber, geboren 1969 in Karlsruhe. Lebt und arbeitet in Karlsruhe und Tanger als Musiker und produziert, komponiert und improvisiert in akustischen und elektronischen Kontexten. Seit 1996 leitet er das Free-Form-Projekt »Kammerflimmer Kollektief«. Zahlreiche internationale Veröffentlichungen, Tourneen und Festivals. Außerdem Hörstücke, Filmmusiken und szenische Lesungen. Das Hörspiel »Ovale Fenster«, eine Zusammenarbeit mit Dietmar Dath und Volker Zander, wurde von der Akademie der Künste als Hörspiel des Monats April 2012 ausgezeichnet. Des Weiteren spielt Thomas Weber mit Dietmar Dath, Heike Aumüller und Johannes Frisch seit 2011 auch in der Avant-Rock-Band The Schwarzenbach. 2015 ist Weber gemeinsam mit Iris Drögekamp Artist-in-Residence in der Villa Kamogawa des Goethe-Instituts in Kyoto, Japan.
Die Magnetin In Flac

Mit: Christoph Franken, Friedrich Liechtenstein und Effi Rabsilber
Regie: Iris Drögekamp / Thomas Weber
Musik: Kammerflimmer Kollektief
(Produktion: SWR 2015)

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Mittwoch, 2. Dezember 2015
Jazzfest Berlin 2015: "Giovanni Guidi Trio"
A-Trane
Aufzeichnung vom 06.11.2015

Giovanni Guidi Trio:
Giovanni Guidi, Klavier
Thomas Morgan, Bass
Joao Lobo, Schlagzeug
Giovanni Guidi Trio

Beim diesjährigen Jazzfest Berlin präsentierte der neue künstlerische Leiter Richard Williams eine Reihe hervorragender Piano-Trios der jüngeren Generation. Darunter das Trio des italienischen Pianisten Giovanni Guidi, der gemeinsam mit dem Bassisten Thomas Morgan und dem Schlagzeuger Joao Lobo eine formidable Einheit bildet.
Der 30-jährige italienische Pianist Giovanni Guidi hat in seiner Anfangszeit als professioneller Jazzmusiker erst einmal wertvolle Spielerfahrungen in der Band der italienischen Trompeterlegende Enrico Rava sammeln können, bevor er sich seit ein paar Jahren verstärkt auf seine eigene Musik fokussiert.
Im Frühjahr dieses Jahres legte Guidi mit "This is the Day" bereits das zweite Album mit seinem hervorragend funktionierenden Trio vor. Ein Album, auf dem einfach alles stimmt: starke Melodien, ein hervorragender Gesamtsound und viel rhythmische Finessen. Außerdem haben Guidi und seine beiden Partner einen ausgeprägten Hang zum Klang und zur Stille und agieren sehr gefühlsbetont und poetisch.
Sowohl der introvertierte, aber stets sehr präsente amerikanische Bassist Thomas Morgan, als auch der feinnervige Schlagzeuger Joao Lobo aus Portugal passen perfekt zum musikalischen Kosmos von Giovanni Guidi. "Egal, was die beiden spielen, es stecken immer sehr viel Leidenschaft und eine große Intensität in ihrem Spiel. Dadurch fühle ich mich frei, alles mit Ihnen zu spielen", schwärmt Guidi über die beiden Kollegen an seiner Seite. Das Konzert beim Jazzfest Berlin war ein Fest der Improvisation und des musikalischen Momentes.

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Montag, 30. November 2015
"Glanzlichter für die Nacht" Musik von LeRoy bis Sun Ra
Mit Michael Miesbach

Die heutige Nachtsession-Ausgabe kommt mit einem Schwung ausgewählter Neuveröffentlichungen und Neu-Wiederveröffentlichungen aus den vergangenen Wochen: Glanzlichter aus drei Jahrzehnten und diversen Genres. Zu hören gibt es Neues u.a. vom Münchner Leo Hopfinger alias LeRoy, Kollaborationen von Bernd Friedman und Uwe Schmidt (=Flanger) bzw. von Hans-Joachim Irmler und F.M. Einheit, Electronica von Floating Points, Levantis und T.Raumschmiere und Gitarren-Instrumentalmusik von Tommy Guerrero. Dazu Wiederveröffentlichungen und Compilations von Family Fodder, On-U Sound, Sun Ra und dem Berliner Old School-Elektroniker Bernd Kistenmacher.
Playlist
Glanzlichter für die Nacht

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"Get The Blessing" Konzertmitschnitt vom 17. September 2015, BLG-Forum, Bremen
Bei ihnen ist manches anders als bei "herkömmlichen" Jazzformationen. "Get The Blessing" gehören zur ersten Garde unkonventioneller britischer Bands, deren Wurzeln jenseits der etablierten Jazzpfade liegen. Bei der Namensfindung bezog sich das Quartett aus Bristol zwar auf New Jazz-Pionier Ornette Coleman (die Gruppe hieß anfangs einfach "The Blessing" nach einer Coleman-Komposition). Doch von dem ursprünglichen Coleman-Bezug ist nicht allzu viel geblieben.

Über die Jahre haben "Get The Blessing" eine ganz eigene Stilistik entwickelt, unter anderem geprägt durch eine Indierock/Avantpop-Ästhetik. Das kommt nicht von ungefähr: der Bassist und der Drummer waren mit der Triphop-Band "Portishead" verbandelt und haben mit diversen Rock/Pop-Acts gearbeitet. Entsprechend arbeitet die Gruppe mit ungewöhnlicheren Grooves und Soundverfremdungen. Nicht der solistische Ausdruck steht im Mittelpunkt, sondern eine kompakte Bandvorstellung.

Dazu kommt eine augenzwinkernd-humorvolle Grundhaltung: das vorletzte Album hieß "Lope And Antilope", das jüngste, dessen Stücke den Kern des Bremer Konzertes bildeten, trägt den ebenso spielerischen Titel "Astronautilus".
Get The Blessing

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"Blue" Hörfilm von Derek Jarman – in der deutschen Synchronfassung
Der englische Filmregisseur Derek Jarman starb 1994 an AIDS. Seinen letzten Film konnte er noch kurz vor seinem Tod beenden. Er gab ihm den Titel "BLUE". Im Film gibt es jedoch nichts zu sehen - außer einer blauleuchtenden Leinwand. Zu hören ist hingegen ein Soundtrack, der einer Hörspiel-Collage aus Musiken, O-Tönen, Klängen und Texten entspricht. Sie hat Jarmans eigenes Leben zum Thema, und zwar in Form einer gnadenlosen Selbstentblößung: 1986 erfährt er von seiner HIV-Infektion.
Jarman beginnt Tagebuch zu schreiben. Er notiert die prosaischen Dinge des Alltags und kommentiert die damaligen politischen Ereignisse wie den Krieg im ehemaligen Jugoslawien. Er schreibt über seine Kindheit, seine Homosexualität, seine künstlerische Arbeit als Maler und Filmemacher - und nicht zuletzt über seine Krankheit in ihrem medizinischen Verlauf mit all ihren Torturen.
Blue In Flac
Derek Jarman, geboren in Northwood, gestorben 1994 im Londoner St. Bartholomy's Hospital, galt nach seinem Kunststudium mit seinen Arbeiten "Sebastiane" (1971) "Caravaggio" (1986) oder "The Last of England" (1989) als einer der innovativsten und bildmächtigsten Filmemacher seiner Zeit.
Mit: Ulrich Matthes, Sylvester Groth, Wolfgang Condrus und Eva Mattes
Musik: Simon Fisher Turner
Realisation: Derek Jarman
(Produktion: Takashi Asai, David Lewis, James Mackay 1993)

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Playback Björk Eine Hommage zum 50. Geburtstag
Mit Judith Schnaubelt

Es war einmal vor langer Zeit, da hat Madonna die um sieben Jährchen jüngere Björk zu sich nach Los Angeles eingeladen, weil Björk so schöne Verse für ein Lied gedichtet hat, das Madonna gerne sang: "Bedtime Stories". Die Queen of Pop wusste sehr genau um die Talente des Elfenmädchens aus Island. Man schrieb das Jahr 1994, und Björk kam nicht nach Los Angeles. Björk machte gerade selbst Pop-Karriere in Europa. Und zwar solo. Im Sommer 1994 auf dem Glastonbury Festival waren während des Konzertes von Björk auf der NME-Stage bereits reihenweise Mädchen in Ohnmacht gefallen. Björk war einer der Hypes dieses Festivals. Und wer es damals in Glastonbury schaffte, dem war der internationale Durchbruch ziemlich sicher. Oasis, Blur und Pulp das im selben Jahr hier auch passiert. Natürlich geht es kaum klischeehafter, von Björk, dem Elfenmädchen aus Island zu sprechen. Björk war Punk. Sie hat bei Hausbesetzern in Berlin gelebt, als sie 16 war. Sie hat das Spielen von Instrumenten und Gesang jahrelang gelernt. Bei den Sugarcubes hat sie an allen Songs mitkomponiert. Sie war nicht nur musikalisch talentiert, mit außergewöhnlicher Stimme gesegnet, für die sie sich eine außergewöhnliche Gesangstechnik verpasste, nein, Björk war und ist besessen von Musik. Sie ist personifizierte Musik! Madonna ist die Antithese dazu. Madonna ist inszeniert. Björk hat dagegen nur das, was sie tatsächlich ist, visualisiert. Wir müssen uns Björk als glücklichen Menschen vorstellen. Happy Birthday.
Björk

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"African Heartbeat" Der Schlagzeuger Louis Moholo
mit Bert Noglik

Sein Spiel gleicht einem Schrei nach Freiheit. Geboren und aufgewachsen in Kapstadt, wurde Louis Moholo schon früh mit den menschenverachtenden Gesetzen der Apartheid konfrontiert, denen er sich in "gemischten" Bands mit weißen und schwarzafrikanischen Musikern widersetzte.
1964 ging der Schlagzeuger ins europäische Exil. Aus dem Zusammentreffen von Musik mit afrikanischen Roots und freien Klängen der Jazz-Avantgarde entstand eine explosive Mixtur. Als Schlagzeuger der "Blue Notes" und Chris McGregor's Band "The Brotherhood of Breath" hat Louis Moholo Jazzgeschichte mitgeschrieben. 2005, im Jahr seines 65. Geburtstags, kehrte er in das heimatliche Kapstadt zurück, wo er neue Bands formierte und seine Erfahrungen auch an jüngere Musiker weitergibt.
Louis Moholo

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"Zwischen Folklore und Free" Jazz Das Quartett Ambush mit Stu Martin, Charlie Mariano, Barre Phillips und Peter Warren 1972 in Freiburg
Am Mikrofon: Nina Polaschegg
Free Jazz und Folklore, das mögen auf den ersten Blick Gegenpole sein, wie sie größer kaum sein mögen. Doch beim zweiten Gedanken darüber merkt man schon, dass beides durchaus amalgamieren kann. Sind doch auch Volksmusiken stets im Wandel begriffen, gelten Folk-Klänge immer schon als fruchtbare Quelle für andere Musiken - man denke an Komponisten wie Gustav Mahler, Franz Schubert oder weiter zurück in die Barockzeit. Wie die Musiker des nur für kurze Zeit aktiv gewesene Quartetts Ambush mit so konträren Musikformen wie Folklore und Free Jazz umgehen, welche Wege sie damals suchten, auch um den Free Jazz weiter zu entwickeln, das zeigte ein Konzert in Freiburg 1972. Ambush, das sind der Schlagzeuger Stu Martin und die Kontrabassisten Barre Phillips und Peter Warren, die aus den USA nach Europa emigriert waren und ihr ebenfalls damals schon in Europa lebender Saxofonist, der bis zu seinem Lebensende 2009 der Musik zwischen Jazz und Weltmusik eng verbunden war, Charlie Mariano.
Das Quartett Ambush

Charlie Mariano, Peter Warren, Stu Martin: Indian-Aria-Anten-Blue Stone-Drum
Charlie Mariano, Stu Martin: Billie the kid
Stu Martin: Nuts
Ambush:
Stu Martin, Schlagzeug
Barre Phillips, Bass
Peter Warren, Bass, Cello
Charlie Mariano, Reeds

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"Loop and Accumulation" Der amerikanische Komponist Rhys Chatham
Von Hubert Steins
Autorenproduktion 2015

Der amerikanische Komponist Rhys Chatham verbindet in seinen Werken Minimalismus mit den Stilelementen des Rock und Punk.
Rhys Chatham

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